Stefan Slupetzky zur gegenwärtigen Abschiebe-Praxis in Österreich

Wie barbarisch kann eine Gesellschaft handeln, die sich selbst als zivilisiert bezeichnet? Wie grausam kann ein Staat, dessen Bürger in nie gekanntem Wohlstand leben, gegen die Schwächsten, Zartesten, Verletzlichsten vorgehen?

Wenn die elementarste menschliche Tugend, das fundamentalste Quäntchen Selbstverständnis als soziale Lebewesen, nämlich der unbedingte Wille zum Schutz wehrloser Kinder, nichts mehr gilt, wie sollen wir selbst uns dann noch voreinander schützen?

Erinnern wir uns an die dunkle Zeit des kollektiven Verbrechens, an die Jahre des Nationalsozialismus: Es war die letzte mitteleuropäische Epoche, in der Kinder ganz bewusst einem skandalösen politischen Ideal geopfert wurden. Und werfen wir dann einen Blick auf die heutige Realität: Österreich und Deutschland sind die einzigen europäischen Länder, in denen Abschiebehaft gegen Kinder verhängt wird.

Mein Großvater hat immer gesagt: „Lieber gut schlafen als gut essen.“ Und er hatte Recht, weil nun einmal ein voller Bauch ein intaktes Rückgrat nicht ersetzen kann. Wir müssen es achten und pflegen, unser Gewissen, wir müssen es behüten, weil es uns vor der Verrohung und vor der Entmenschlichung behütet. Dieser Staat, diese Gesellschaft sind wir alle. Daher ist es unser aller Pflicht, gegen das Unrecht aufzustehen, das mit unseren Stimmen, in unserem Namen begangen wird. Wer heute schweigend wegsieht und morgen behauptet, er habe von nichts gewusst, der hat die Bezeichnung „menschlich“ nicht länger verdient.

Wien im März 2010

 

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